Schwankender alter Mann

Fotografie, Theorie
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Selbst jetzt, wo ich untätig im Büro sitze und alle außer mir zum Mittagessen gegangen sind, verfolgen meine Blicke durch das trübe Fenster hindurch den schwankenden alten Mann, der langsam auf dem Bürgersteig der anderen Straßenseite einhertorkelt. Er geht nicht wie ein Betrunkener; er geht wie ein Träumer. Er ist aufmerksam für das Nicht-Existierende; vielleicht hofft er noch. Die Götter mögen uns, wenn sie gerecht sind in ihrer Ungerechtigkeit, die Träume bewahren, selbst wenn sie unmöglich sind, und uns gute Träume schenken, auch wenn sie belanglos sein sollten. (…) Während ich dies denke, ist der alte Mann meiner Aufmerksamkeit entgangen. Ich sehe ihn nicht mehr. (…) Er ist fort. Er erfüllt mir gegenüber die visuelle Pflicht eines Symbols; damit ist er nun fertig und um die Ecke gebogen. Wenn man mir sagen würde, daß er um die absolute Straßenecke gebogen ist und niemals hier war, nähme ich dies mit derselben Geste hin, mit der ich jetzt das Fenster schließe.

Fernando Pessoa (1888-1935), Das Buch der Unruhe